Mittwoch, 4. September 2019
Kurze Geschichte aus dem Garten
Wir sitzen im Regen an einem kleinen italienischen See. Die Freunde fragen:“ Warum seid ihr nicht zuhause geblieben, dort ist das Wetter schön, und ihr habt doch den tollen Garten am Böhmer Weiher!“
Stimmt eigentlich…Wir packen zusammen und fahren Richtung Brennero. Bei Sterzing die ersten Regentropfen. Eigentlich alles wie immer. Über München tobt ein Unwetter. Der Wetterbericht verspricht Regen für die nächsten Tage. An Gartenerholung oder Mähen ist erst mal nicht zu denken. Also Zeit für eine kreative Pause, da lese ich die Geschichte von Michi Sailer und denke mir, das kenn ich doch auch. Meine Gedanken wandern zu einem späten Nachmittag im Juli.
Heute hatte ich frei und im Radkorb habe ich meine eingesammelten Schätze. Riesige Kartoffeln (Ja, dumm gelaufen!), gelbe Zucchini, Karotten, Radieserl, Rauke, Stachel- und Johannisbeeren und einen großen Strauß bunter Blumen. Glücklich grinsend, radele ich am Bach entlang nach Hause, und bedauere all die Menschen die heute in ihren Büros schwitzten und danach ihr fahles, in Plastik abgepacktes Gemüse im Supermarkt kaufen müssen. Ich spüre ihre neidvollen und bewundernden Blicke. Sie ahnen ja nicht wie selten es zu diesem Großereignis kommt.

In meinen Augen bin ich eine miserable Gärtnerin. Immer noch zu wenig Zeit, wenn Zeit dann schlechtes Wetter. Wenn gutes Wetter, zu wenig gegossen. Na ja nicht nur in meinen Augen. Kein Dünger geht gar nicht, sagt meine Schwiegermutter, ist ja kein Wunder das ich Minigemüsepflanzen habe. Dieser biologische Schnickschnack funktioniert nicht. Schau dir nur deine Rhabarber an. Wie es hier aussieht, fürchterlich!

Die Natur liebt meinen Garten auf ihre eigene Art. Es ist eine Art „ Selbstbedienungs-Schlaraffenland“ für Kleintiere. Hasen und Rehe laben sich an meine Pflanzen.
Alle Schnecken dieser Welt finden meinen Garten besonders attraktiv, da ich nicht in Schneckenkorn investiere. Sie finden immer einen Weg in das Hochbeet, sie seilen sich ab. Ins Frühbeet haben sie, glaube ich einen mehrspurigen Tunnel gegraben, und über Nacht jeglichen bunten Mangold gefressen. Meine Familie dankt es Ihnen sie können schon seit Jahren keinen Mangold mehr leiden.
Brennnessel finden immer ihren Weg von der benachbarten Pferdekoppel zu mir und verhindern, dass ich Rheuma bekomme. Aus jeder Hollerbeere wird ein Hollerbusch. Warzenkraut sprießt aus jeder Fuge meiner Terrasse und verhindert, na ja Warzen und eine gepflegt aussehende Lounge Landschaft.
Aus dem gutgemeinten, großflächig gestreuten Rindenmulch, der irgendwas unterstützen oder verhindern soll, was weiß ich eigentlich nicht genau, aber alle tun es, also aus ihm wachsen dieses Jahr interessante 1,5 Meter hohe gelbe Blumen. Zu Hunderten. Tausenden nach dem Urlaub.

Maulwürfe haben eine ausgedehnte Stadt unter meiner, ja nicht nur unter meiner, Wiese angelegt und je nach Witterung findet man zwischen 5 und 50 neue Hügel als Symbol ihres kreativen und ausgiebigen Bauwesens. Eine Mäusefamilie fühlt sich unter meiner Decke zuhause. Mücken suchen meine Gesellschaft.
Viele Pflanzen wachsen rapide und gedeihen ausufernd, in die Höhe und in die Breite. Oft ungenießbar, und am liebsten dort wo sie gegen die Regeln oder gute Nachbarschaftsverhältnisse verstoßen.
Die Brombeeren haben meine Pflegeversuche jahrelang dahingehend ignoriert, dass sie zwar wachsen, aber keine Blüten tragen, schon gar keine Früchte. Mit der Ausnahme 2013, da war es eine reiche Ernte warum auch immer (ach ja, ich war im Urlaub). Seitdem hat man nie wieder eine Brombeere gesehen. Nur ihre fiesen stacheligen Ranken wachsen unglaublich schnell und lauern hinterhältig im Gebüsch oder in der Wiese, am liebsten wenn ich barfuß gehe.
Meine Himbeeren verschwinden auf mysteriöse Weise von alleine, Rosen verkümmern. So manches ausgepflanzte, in liebevoller Arbeit auf der Fensterbank vorgezogene Gemüse, sieht man nach drei Tagen nicht wieder! Falsche Erde sagt der Nachbar. Aber warum nur bei mir? Was für Tricks haben die anderen, vor allem zwei Gärten weiter? Haben sie eine Wagenladung Walderde hergebracht? Pferdemist!? Sie werden doch nicht die halbe Chemieabteilung von Kölle und Dehner leer geräumt haben?

Die Obstbäume lieben das Klima im Spatzenweg auch nicht sehr. Falls sie viele Blüten tragen, kommt sicher ein Wetter und reduziert auf 25 Restblüten, diese werden dann von den wunderbaren fleißigen Bienen, die aus des bärtigen Nachbars Garten rüberkommen, betüttelt. Daraus entstehen dann wie durch ein Wunder einige, vier bis zehn Äpfel und Birnen, niemals Zwetschgen. Ich bin stolz wie Oskar. Nach einigen Wochen sind sie zwar leicht fleckig aber so langsam denke ich, jetzt noch ein bis zwei Tage dann wird geerntet! Kommt doch sofort der Spatzenschwarm und frisst und pickt! Die letzten zwei Äpfel stürzen sich dann in suizidaler Absicht auf die Schnecken-Wiese! Ab auf den Kompost.

Eigentlich haben viele Besucher eine Meinung, warum ich (noch) nicht (in noch) paradiesischeren Zuständen in meiner Datscha lebe. Beim Basteln und Ratschen mit Freundinnen, am Grill beim Bier wird beobachtet, kommentiert, manchmal schwadroniert und gern gefachsimpelt. Es hagelt gute Ratschläge und so manches besser wissen.
Meine kleine bröckelnde Hütte ist aus der Mitte des letzten Jahrhunderts und die allgemeine Meinung ist: „das alte Ding abreißen und einen schönen Neubau im Tiny Home Style hinstellen!“. Die Ideen überschlagen sich. Wenn ich konkret nachfrage, wann denn alle so Urlaub hätten und wir das Projekt gemeinsam starten können, wundere ich mich nicht, denn eigentlich hat nie jemand Zeit, wenn es was zu schrauben gibt.

Am Schönsten sind dann ja oft die Momente des einsamen „vor sich hin wurschteln und wühlen“. Danach gibt es sie dann, diese vielen sonnigen Momente, in denen die schattigen Plagen und die Rückenschmerzen vergessen sind.
Bunte Schmetterlinge tanzen dann fröhlich über die Blumenwiese, Bienen freuen sich summend an ausgeschossenen Rauke und Radieschen. Über mir in meiner Hängematte, lustiges Vogelgezwitscher, Grillenzirpen und hohe Schwalbenflüge am blauen Himmel. Danach ein kleiner Spaziergang durch mein schattiges Wäldchen und erfrischendes Schwimmen in den Sonnenuntergang am Weiher, der zum Glück noch uns gehört.

inspiriert durch Michi Sailers: “schweres Los des Schlaraffenlandbewohners”, im IN München 8/ 2019